Die Europäische Stechpalme (Ilex aquifolium)

Die „Baum des Jahres – Dr. Silvius Wodarz Stiftung“ hat die Europäische Stechpalme zum Baum des Jahres 2021 gekürt. Damit wird diese Ehre, nach der Robine 2020, wieder einer Baumart zuteil, in die man eine gewisse Hoffnung in Zeiten des Klimawandels steckt.

Tatsächlich gibt es die Wärme liebende Stechpalme schon seit ca. 2 Millionen Jahren auf unserem – damals deutlich wärmeren – Kontinent. Mit Abkühlung des Klimas zog sie sich in geschützte Bereiche zurück, in denen sie auch die Eiszeiten überlebte. Damit es dieser Baumart gut geht, dürfen die Winter nicht zu kalt und die Sommer nicht zu trocken sein. Daher besiedelt sie heute in Europa v.a. die vom atlantischen Klima beeinflussten, küstennahen Regionen Westeuropas, vom Süden Norwegens bis nach Portugal. In England und Irland wachsen sogar 20 m hohe Stechpalmen (sonst max. 10–15 m), deren Alter auf 500 Jahre geschätzt wird! Weiter östlich in Europa, auch in großen Teilen Deutschlands, ist das Klima im Winter eher kühl und im Sommer trocken. Hier überlebt die Schatten ertragende Stechpalme nur im Schutz hoher Bäume, wo sie mit weit ausladenden Seitenästen bis zu 5 m Höhe heranwachsen kann.

Die Europäische Stechpalme ist in unseren Wäldern also eine einheimische, wenn auch seltene Art und unser einziger immergrüner Laubbaum!

Die festen, glänzenden Stechpalmen-Blätter sind an ihrem Rand mit Stacheln bewehrt, die abwechselnd nach oben und unten gebogen sind und dem Schutz vor Fraß- und anderen Feinden dienen. In früheren Zeiten hat man diese Eigenschaft oft zweckentfremdet und die zusammengebundenen Blätter zum Kehren von Kaminen genutzt. Aber – ab etwa 2 m Höhe spart sich die Pflanze diesen besonderen Abwehrmechanismus und bildet eher glattrandige Blätter aus! Dort ist die Gefahr des Gefressen-Werdens offenbar nicht mehr so groß. Diese „Verschiedenblättrigkeit“ (Heterophyllie) tritt an manchen Zweigen auch nebeneinander auf.

Die wehrhaften Blätter haben der Stechpalme ihren deutschen Namen gegeben. Lokal existieren auch Begriffe wie Hülse, Walddistel oder Stecheiche. Hülse, sowie die europäischen Bezeichnungen Hulst (ndl.), Houx (frz.) und Holly (engl.) gehen auf einen gemeinsamen germanischen Begriff für stechende Gehölze zurück. Und, man ahnt es vielleicht, auch der Name Hollywood leitet sich von dieser Pflanze ab. Übrigens war es in der fantastischen Welt Tolkiens das Land Eregion („Land der Hulstbäume“), in dem die sagenhaften Ringe der Elben, der Zwerge und der Menschen geschmiedet wurden.

Mit Palmen ist die Stechpalme allerdings nicht verwandt. Dieser Namensteil geht auf die Tradition zurück, am Palmsonntag ihre immergrünen Zweige dort zu nutzen, wo es keine Palmen gibt.

Blüten und Früchte der Stechpalmen sind Nahrungsquelle etwa für Vögel, Bienen und Hummeln. Für Menschen ist die Pflanze allerdings giftig. Neben den grün-glänzenden Blättern besticht die – weibliche – Stechpalme besonders im Winter durch die rot-leuchtende Farbe ihrer Früchte. Diese Schönheit wurde ihr allerdings fast zum Verhängnis, denn im 19. Jahrhundert wurden große Mengen der dekorativen Pflanze als Weihnachtsschmuck aus dem Wald geholt, und Anfang des 20.Jahrhunderts erfolgte gar der Abtransport ganzer Bahn-Ladungen voller Schmuckreisig. Erst der Protest von Naturschützern gegen diese ungehemmte Nutzung führte dazu, dass Stechpalmen seit 1935 in Deutschland als besonders geschützte Art gelten und nicht mehr genutzt werden dürfen!

Das helle Holz der Stechpalme nimmt dunkle Lacke gut auf und wurde deshalb gerne als Ebenholz-Ersatz verwendet. Seine Härte und Zähigkeit machten es früher zum idealen Material für die Herstellung von Werkzeugstielen und Zahnrädern. Im Kunsthandwerk findet es u.a. Verwendung für Intarsien- und Drechselarbeiten. Und andere nützliche Dinge sind daraus entstanden – so besaßen Goethe und Liszt Spazierstöcke aus dem Holz der Stechpalme, und auch Harry Potters Zauberstab war daraus gefertigt!

Heute ist die wirtschaftliche Nutzung des Holzes weitgehend unbedeutend, auch aufgrund der geringen Verbreitung der Stechpalme. Im städtischen Raum und zur Gartengestaltung bietet sich dieses heimische Gehölz jedoch besonders an, da es schnittfest ist und unempfindlich gegen Rauch. Hier stellt die Stechpalme eine schöne und ökologisch sinnvolle Alternative zur Thuja und anderen nicht-heimischen Nadelgehölzen dar.

Winterlicher Stechpalmenzweig mit Früchten (Foto: Alice Rosenthal)

Textquelle: Baum des Jahres – Dr. Silvius Wodarz-Stiftung

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